Liebe Freunde und Europa-Interessierte,

Ich habe vor Ostern Brüssel erreicht. Dort wurde vor dem Europäischen Parlament eine kurze Rede vor der Kamera aufgenommen:

Ich musste meine Reise mehrmals wegen Patienten, der Universität und der Familie unterbrechen,
aber ich werde es nun schaffen:

Am Abend des 25. April werde ich Calais erreichen. Ich möchte Maidstone am Abend des 27.4. und
London am 31. April abends erreichen, wenn alles gut geht. Dort stehe ich am 1. Mai allen
zur Verfügung, die gerne mit mir sprechen möchten – über die Zukunft Europas und unseres
Zusammenlebens mit oder in der EU.

Je mehr Menschen ich spreche desto klarer mir wird, dass sich auch die EU stark weiter entwickeln
muss.

Viel ist geschrieben worden über den Brexit. Hier einige Gedanken die vielen Menschen, die ich auf
dem Kontinent begegnet sind, so nicht klar waren. Sie sind aber nicht das wichtigste. Das wichtigste
könnte sein, dass Menschen, nicht nur digital, miteinander ins Gespräch kommen und wachsende
Vertrauensgemeinschaften bilden.

Brexit wäre teuer, vor allem für Großbritannien, aber auch für Europa

Nach den neuesten Berechnungen hätte ein Hard Brexit Großbritannien 54 Milliarden Euro pro Jahr
gekostet und die EU 40 Milliarden (1). Großbritannien würde am meisten verlieren, aber es würde
andere europäische Länder mit hinabreißen, während die USA und China vom Brexit profitieren
würden.

https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2019/maerz/brexit-kostet-deutschland-bis-zu-zehn-milliarden-euro-jaehrlich/

Natürlich gibt es Gründe für den Brexit, aber nach all dem, was ich gelernt habe, gibt es noch viel
mehr Gründe für eine BreEUnion. Sogar ein Soft Brexit würde Großbritannien über 20 Milliarden
Euro pro Jahr kosten und ist nicht das, was die meisten jungen Menschen Englands wollen. Junge
Menschen bewegen sich auf eine globale Welt zu und verstehen, dass ein starkes Europa gut ist für eine starke Welt. Die EU ist Friedensnobelpreisträgerin, nun muss sie auch Vorbild werden für Umwelt, faire Ökonomie und würdevolle Schul- und Weiterbildung. Europa hat das Potential, ein Ort zu werden, an dem jeder Mensch seine Würde findet. Wir brauchen die Fantasie, den Mut und den Willen aller, um dieses Ziel zu erreichen.

Es wäre schön, wenn aus dem Brexit-Stress nicht ein Festhalten an Alten geschieht, sondern eine
positive Bewegung für Europa als Ganzes.

Die Denkart, die zum Brexit führte, kann niemals seine Lösung sein. Wir sollten ganzheitlich denken
lernen: uns selbst und unsere Länder jeweils als Teile eines Ganzen sehen lernen. Jede Person und
jedes Land darf sich die Frage stellen, wie sie bzw. es auf ganz individuelle Weise zum Ganzen beitragen
kann.

Das Referendum war ein verständlicher Protest, muss aber nicht zum Brexit führen:

Ein Referendum ist eine Meinungsumfrage, es ist nicht verbindlich. Das Referendum, das 2016 zu
einem Abstimmungsergebnis von 51,9% für den Brexit geführt hat, basierte auf einer Kampagne, von
der wir inzwischen wissen, dass sie illegale Finanzierung, illegale Datenverwendung für
Microtargeting und nachgewiesene Unwahrheiten (2), (3) beinhaltete. Durch die Umsetzung dieses
Referendums würde Großbritannien von seinen langjährigen Gesetzen und Werten abweichen, ein
schreckliches Beispiel setzen und beweisen, dass Politiker sich mit Lügen durchsetzen können.

Die “Cancel Brexit” Petition erreichte 5.7 Millionen Unterschriften und wurde damit zur größten
Petition in der Geschichte Großbritanniens (4). Warum Mrs May (5) und ihre Administration (6) nach wie vor
Brexit wollen, bleibt für mich unklar. Sie und viele Brexiters werden aber gute Gründe haben-, die
ich gerne verstehen würde.

Die jungen Menschen in Großbritannien stimmten mehrheitlich für Europa, aus dem Verständnis
heraus, dass dies Frieden, Wohlstand, Freiheit und Zusammenarbeit bedeutet. Sie sind die Zukunft.

Immigration und Flüchtlinge:

Die Befürworter des Brexit sahen in der Flüchtlingswelle eine Bedrohung. Deutschland empfing 1,3
Millionen Flüchtlinge im Jahr 2016 und verzeichnet im Jahr 2019 eine extrem niedrige
Arbeitslosenquote von 3,2% sowie die niedrigste Einbruchs- und Gewaltquote seit 1992 (7), alles
niedriger als im Vereinigten Königreich, das im gleichen Jahr 84 .000 Flüchtlinge aufnahm.
„Bei uns zählt, wo jemand hinwill, nicht wo er herkommt“ wäre ein fruchtbares Motto.

Großbritannien und die EU:

Auch die EU ist nicht perfekt, aber sie bietet eine gute Grundlage, um eine der fairsten
Gesellschaften der Welt aufzubauen. Ohne die EU ist Großbritannien auch politisch eine Insel im
Atlantischen Ozean, zwischen Europa, Amerika, China und Russland.

Gesellschaft: Wir brauchen eine Gesellschaft, die auf Werten und Würde basiert, nicht auf Rasse, Sprache oder Herkunft:

Wir sind 7,7 Milliarden Menschen auf der Erde und wachsen weiter (8). Nach neuesten Berechnungen
könnten wir selbst mit 11 Milliarden (9) Menschen ökologisch auf der Erde glücklich leben. Aber wir
reichen Länder müssten unsere Gewohnheiten ändern. Wie Ghandi sagte:“Die Welt hat genug für
jedermanns Bedürfnisse, aber nicht genug für jedermanns Gier.“

Daher ist das eigentliche Problem ein Erziehungsproblem. Wir müssen lernen, eine Gesellschaft zu
schaffen, in der jeder Mensch, unabhängig von Alter, Geschlecht, Fähigkeit, Herkunft, Eigentum,
Status und Neigung, seine Würde finden kann. Würde ist das Recht einer Person, geschätzt und
respektiert zu werden.

Kräfte der Isolation und des Egoismus:

Wir alle haben Kräfte der Destruktion und Isolation in uns. Sonst hätten wir keine Grenzen, keine
Haut, kein Blut und keine Knochen. Der Mensch hat sich am meisten von allen Wesen von seiner
Umwelt isoliert. Das ist eine Voraussetzung für seine Individualität und begründet zugleich die lange
und höchst kreative Reifungszeit, die wir uns, als Kinder und als Menschheit, erlauben.

Indem wir reifen, lernen wir die aggressiven Kräfte des Körpers dort zu lassen, wo sie gebraucht
werden, wie im Magen, um die Nahrung zu verdauen und in den Knochen, um der Schwerkraft
Widerstand zu leisten. Und wir lernen, uns wie Herzen zu verhalten: das Herz nimmt nie mehr, als es
braucht. Das Herz nimmt den gesamten Blutstrom wahr, dient dem Ganzen und erhält genau
dadurch auch das, was es selbst braucht. Wir können alle Herzen Europas werden. Damit Europa ein
Herz in der Welt wird.

Identität und Würde: Wir brauchen eine Gesellschaft, die Würde vermittelt und den globalen Beitrag jedes Einzelnen, jedes Landes und jedes Kontinents wertschätzt:

Wir alle haben ein tiefes Bedürfnis nach Identität. Die Frage ist: mit wem und womit möchten wir uns
identifizieren? Früher beruhte die Identität wesentlich auf Familie und Herkunft und wurde dann zur
Identifikation mit Clans, Städten und Nationen. Eigentum, Macht und Ruhm sind starke Träger
egoistischer Identität und äußerer Würde. Jetzt ist es an der Zeit, über nationale und egoistische
Identitäten und allem, was uns passiv Status gibt, hinauszuwachsen. Sie sind eine bloße Fiktion. Es ist
Zeit, sich zu fragen „was kann ich, was kann mein Land zur Entwicklung einer ökologisch und sozial
gesunden Welt beitragen?“ Je mehr wir uns auf unseren eigenen Beitrag zum Ganzen konzentrieren,
desto mehr werden unsere Bedürfnisse erfüllt.

Die meisten jungen Menschen wollen einen sinnvollen Beitrag zum Ganzen leisten und dabei ihre eigene Identität entwickeln und ihre eigene Würde finden. Wir brauchen eine starke Europäische Union, die den einzigartigen Beitrag jedes einzelnen Mitglieds zu einem gesunden, vielfältigen Ganzen respektiert und fördert. Wir sind noch weit von diesem Ideal entfernt, aber wir könnten dem näher sein als jemals zuvor.

Also, liebe Briten, bleibt, mit Eurer eigenen pragmatischen Freiheitswürze, in der EU!

(1) https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2019/maerz/brexit-kostet-deutschland-bis-zu-zehn-milliarden-euro-jaehrlich/

(2) https://www.zeit.de/campus/2019-04/marcus-j-ball-brexit-boris-johnson-luegen?wt_zmc=sm.ext.zonaudev.whatsapp.ref.zeitde.share.link.x

(3) https://www.statisticsauthority.gov.uk/news/uk-statistics-authority-statement-on-the-use-of-official-statistics-on-contributions-to-the-european-union/

(4) https://www.washingtonpost.com/world/2019/03/21/can-brexit-be-stopped-people-are-trying-so-hard-that-parliaments-website-is-broken/?noredirect=on&utm_term=.41366fbf213e

(5) https://www.theguardian.com/commentisfree/2018/dec/04/britain-legally-cancel-brexit-eu-parliament-court-remain

(6) https://www.youtube.com/watch?v=XI4am-kmb2A
https://www.youtube.com/watch?v=XI4am-kmb2A

(7) https://www.google.de/amp/s/amp.dw.com/cda/en/germanys-crime-rate-fell-to-lowest-level-in-decades-in-2018/a-48162310

(8) https://www.worldometers.info/world-population/

(9) A 2015 study in the Journal of Industrial Ecology  showed that household consumers are responsible for more than 60% of the globe’s greenhouse gas emissions, and up to 80% of the world’s land, material and water use.

https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1111/jiec.12371?referrer_access_token=3GvZ8oF2X2c2lbQvVQ8gH4ta6bR2k8jH0KrdpFOxC666OPmjaBpqM55OqTFgJ01tLLxARRbn7ub0OiAFAiKbuzDJovsL5Cht2mCK-2g2C_nxFom3yBX4JRDEPvpbQNg1fJd634Wo2fG9zgEjYauaQw%3D%3D

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Lieber David,

    ich bin in Gedanken bei Dir. Ich wünsche Dir gutes Wetter, kräftige Beine und herzoffene Begegnungen auf Deinem Weg!

    Jan

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